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Wie fühlt es sich an, unterwegs zu entschleunigen, schon auf der Anreise zur Ruhe zu kommen und den bereits zum Erlebnis zu machen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Swiss Travel Communicators Events zum Thema «Slow Travel auf der Schiene».

Im stilvollen Ambiente des SBB Restaurants Oase im Zürcher Hauptbahnhof trafen sich Mitglieder und Gäste, um mit drei Expert:innen über Chancen, Herausforderungen und Zukunftsaussichten dieser Reiseform zu diskutieren:

  • Marionna Schlatter, Nationalrätin und Vize-Präsidentin der Grünen Schweiz
  • Werner Ebert, Leiter Markt Deutschland & Österreich im Internationalen Personenverkehr der SBB
  • Austin Widmer, Co-Founder und Mitglied der Geschäftsleitung des Zürcher Start-ups Simple Train GmbH

Vom Trend zur Bewegung?

Moderator:innen und Publikum wollten von den Podiumsgästen wissen: Handelt es sich beim Slow Travel per Bahn nur um einen Lifestyle-Trend für eine kleine Zielgruppe – oder entwickelt sich hier gerade ein grundlegender Wandel im Reiseverhalten?

Werner Ebert gab zunächst einen Einblick in die aktuelle Lage der SBB. Zwar habe die Nachfrage nach internationalen Bahnreisen und Nachtzügen in den letzten Jahren deutlich zugenommen, vor allem durch veränderte Arbeitsmodelle mit mehr Homeoffice und flexibleren Arbeitszeiten. Doch wirtschaftlich bleibe der Nachtverkehr eine Herausforderung – nur etwa fünf Prozent des internationalen Personenverkehrs entfallen auf Nachtzüge. Die SBB konzentriere sich daher darauf, Potenziale sorgfältig auszuloten und die Anbindung an die Nachbarländer zu verbessern.

Technische Hürden wie fehlendes Hochgeschwindigkeitsmaterial für Italien- und Frankreich-Strecken oder inkompatible Buchungssysteme zwischen verschiedenen Bahnunternehmen verlangten kreative Lösungen.

Ein Fortschritt: Seit Juni lassen sich Nachtzüge direkt in der SBB Mobile App buchen – eine Entwicklung, die intensive internationale Abstimmung erfordert hat.

Politik als Treiber

Marionna Schlatter sprach von einer Herzensangelegenheit. Sie selbst reise fast ausschliesslich mit dem Zug, sowohl beruflich als auch privat. Sie sieht den internationalen Bahnverkehr jedoch weiterhin in einer Nische – vor allem, wenn man ihn mit dem Flugverkehr vergleicht, der dominiert.

Buchungsprozesse seien oft zu kompliziert, Preisvergleiche schwieriger als bei Flügen, und für Gruppen gebe es unnötige Hürden. Schlatter forderte daher mehr Ambitionen bei den SBB in dieser Hinsicht und klare politische Signale.

Ihr Vorschlag: Eine Flugticketabgabe von 15 bis 20 Franken pro Ticket, zweckgebunden für den Ausbau klimafreundlicher Verkehrsmittel. Dass im Rahmen aktueller Sparrunden die vorgesehenen Fördergelder für den internationalen Bahnverkehr von 30 auf 10 Millionen Franken gekürzt wurden, sieht sie als Rückschritt.

ÖBB RailJet im Hauptbahnhof Zürich

Erlebnis statt Eile

Austin Widmer brachte die Perspektive eines jungen Unternehmens ein, das internationale Bahnreisen organisiert. Für ihn steht fest: Zugfahren bietet unschlagbare Vorteile – keine Passkontrollen, keine strengen Gepäcklimits, und vor allem: Der Weg selbst wird Teil des Urlaubserlebnisses.

Gerade umweltbewusste jüngere Menschen und frisch Pensionierte, die er augenzwinkernd «AHV-Teenager» nennt, reisten gerne mit dem Zug. Doch um ein Massenprodukt daraus zu machen, müsse die Bahnbranche bei Service und Angebot nachlegen.

Es fehle an saisonalen Produkten wie Weihnachtsmarkt- oder Themenreisen sowie einer verstärkten internationalen Kooperation. Hinzu komme, dass Nachtzüge schnell ausgebucht seien und oft lange im Voraus gebucht werden müssten – was nicht in allen Ländern möglich sei.

SimpleTrain nehme jedoch jede Herausforderung an und organisiert Reisen nicht nur innerhalb Europas, sondern auch exotische Zugabenteuer, etwa nach Kirgistan oder Marokko.

Marionna Schlatter und Austin Widmer

Reisen mit allen Sinnen – persönliche Tipps der Gäste

Zum Abschluss verrieten die Podiumsgäste Einblicke ihre ganz persönlichen Bahn-Highlights:

  • Werner Ebert schwärmte von seiner ersten Nachtzugfahrt nach Kopenhagen, bei der er am Morgen «mitten auf dem Wasser» erwachte.
  • Marionna Schlatter empfahl eine Fahrt ins Elsass: schnell erreichbar und landschaftlich reizvoll. Und es habe einen besonderen Reiz, wenn man in Basel in einen fast leeren französischen Zug umsteige.
  • Austin Widmer legte den Nachtzug von Mailand nach Sizilien ans Herz, der nicht nur den Süden Italiens erschliesst, sondern auch eine Schifffahrt einschliesst. Ein Reiseerlebnis, das Zeit und Musse erfordert.
Marionna Schlatter, Dimitri Burkhard, Werner Ebert, Austin Widmer, Juliane Lutz (v.l.n.r.)

Fazit: Weichen für die Zukunft stellen

Der Abend machte deutlich: Slow Travel auf der Schiene ist weit mehr als eine romantische Idee. Er bietet die Chance, bewusster, nachhaltiger und erlebnisreicher unterwegs zu sein – und dabei schon den Weg zum Teil der Reise zu machen.

Damit dies nicht nur einer kleinen, motivierten Zielgruppe vorbehalten bleibt, ist jedoch eine Kombination aus politischem Willen, wirtschaftlicher Machbarkeit, technischer Innovation und kreativen Angeboten nötig.

Die Lust am Zugreisen ist spürbar – jetzt gilt es, die richtigen Verbindungen zu schaffen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

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